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Hintergründe zu Sprachbarrieren

Eine barrierefreie Entwicklung – das wünscht man jedem Kind. Kinder mit Hörbehinderung werden in Deutschland aber vornehmlich hinsichtlich des Hörens gefördert. Doch eine Hörbehinderung ist nicht heilbar. Soziale Entwicklung, kognitive Entwicklung und ein Bildungserwerb sind durch diese Praxis nach wie vor hoch gefährdet. Das Verstehen der Lautsprache zu erreichen, ist für hörgeschädigte Kinder und ihre Familien oft ein Kampf und bleibt immer unvollständig.

Eine gesunde Entwicklung jenseits der Hörbehinderung wäre mit der Gebärdensprache von Geburt/Erstdiagnose an möglich. Allerdings beherrschen die wenigsten Eltern und Pädagogen die Gebärdensprache. Hörbehinderte Kinder erhalten daher in der Regel kein Sprachangebot, welches ihnen sofort und störungsfrei zugänglich ist.

Täglich kämpfen Eltern in Deutschland in Gerichtsverfahren oder vor Schulleitungen um den Einsatz von Gebärdensprache für ihre Kinder. Engagierte Fachkräfte kämpfen in Ausschüssen und Fachgremien dafür.

Ein Blick in die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 zeigt jedoch: Ein Recht hörbehinderter Kinder auf das Aufwachsen mit Gebärdensprache besteht bereits seit über zehn Jahren!

Wir appellieren daher an alle Bildungsverantwortlichen in der Politik und Verwaltung auf Bundes- und Länderebene, aber auch in den Kommunen und in den einzelnen Bildungsinstitutionen: Unsere hörbehinderten Kinder sind dem Risiko ausgesetzt, in einem Bildungssystem aufzuwachsen, das nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht. Beenden Sie diesen Zustand!

Bauen Sie geeignete Strukturen auf, die den Kindern ein ungehindertes Aufwachsen ermöglichen – mit der Gebärdensprache als gleichwertiger Sprache neben Deutsch in Schrift- und Lautsprache.

„Mit nur 14 Monaten zeigte unser taubes Kind die erste Gebärde ‚LICHT'. Da wussten wir: Er kann und will sich mitteilen. Der Weg zum Gebärdenspracherwerb führte uns vor Gericht und schließlich zum Erfolg für unser Kind."

Magdalena Stenzel, Initiatorin der Petition „Gebärdensprache umsetzen"

„Mein Sohn (taub, Hörgeräte) spricht mit 36 Monaten noch kein Wort. Aber er fragt mich in Gebärdensprache, warum es im ICE im Gegensatz zu U-Bahn und Bus kein rotes Blinklicht gibt, wenn sich die Tür schließt, und ob man vergessen hat, dies einzubauen."

Gehörlose Mutter eines tauben Kindes

Was bedeutet Hörbehinderung?

Diese Broschüre ist Kindern und ihren Familien gewidmet, die schwer oder gar nicht hören.

Hörbehinderung ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Einschränkungen der Hörwahrnehmung und -Verarbeitung. Diese Einschränkungen reichen von dem schlecht Hören bestimmter Tonlagen, zu Problemen in Geräuschkulissen und dem Auseinanderhalten verschiedener Stimmen, bis hin zur Taubheit.

Hörgeräte und Cochlea-Implantate (CI) können das Hören unterstützen, aber nicht vollständig ersetzen. Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine Innenohrprothese, die elektrische Signale direkt an den Hörnerv weiterleitet. CI können hörbehinderten Kindern helfen, Töne und Sprache besser zu verstehen. Doch auch ein CI stellt kein normales Hören her. Bei einem CI-Träger liegt weiterhin eine Hörbehinderung vor.

In Deutschland werden alle Neugeborenen im Rahmen des Neugeborenenhörscreenings auf Hörbehinderung untersucht. Das bietet die Möglichkeit, frühzeitig zu fördern. Leider wird diese Chance häufig nicht genutzt, um Gebärdensprache anzubieten.

Wussten Sie, dass …

  • … zwei bis drei von 1.000 Kindern in den Industrieländern mit einem sensorineuralen Hörverlust geboren werden. Die Zahl der Betroffenen nimmt im Verlauf der Kindheit durch verschiedene Ursachen zu.
  • … sechs bis sieben von 1.000 Kindern im Schulalter eine Hörbehinderung haben (vgl. Humphries 2012; KVB/Ptok 2007).
  • … ca. 9 von 10 Kindern mit Hörbehinderung Eltern haben, die gut hören und zumeist nicht gebärden können. (Landesverband der Gehörlosen Hessen e.V., o. J.)

Hörbehinderung – eine Herausforderung in Gruppensituationen

Ob mit oder ohne technische Hilfsmittel: Menschen mit Hörbehinderung sind in Gruppen- und Alltagssituationen erheblichen akustischen Herausforderungen ausgesetzt. Hörgeräte und CI verstärken alle Geräusche gleichermaßen – im Klassenraum, auf dem Schulhof, in der Kita. Das führt zu Stress, Erschöpfung und Konzentrationsschwäche.

Hinzu kommt, dass bei Menschen mit Hörbehinderung durch die dauernde Konzentration auf das Hören erheblich mehr kognitive Energie verwendet werden muss als bei Menschen ohne Hörbehinderung. Die Folge ist eine schnellere Ermüdung.

Der Einsatz der Gebärdensprache bietet die Möglichkeit, unabhängig von akustischen Gegebenheiten zu kommunizieren – vollständig und barrierefrei.

Hörbehinderung führt zu gesellschaftlicher Behinderung

Hörbehinderung ist keine Behinderung im klassischen Sinne – sie wird es erst dadurch, dass die Gesellschaft keine barrierefreie Kommunikation ermöglicht. Wenn Kinder mit Hörbehinderung keine Gebärdensprache erlernen, werden sie in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe behindert.

Häufige Folgen des fehlenden Gebärdensprach-Angebotes:

  • Sprachverzögerungen und eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit
  • Eingeschränkter Zugang zu Bildungsinhalten
  • Soziale Isolation und geringes Selbstwertgefühl
  • Psychische Belastungen durch dauerhafte Überforderung
  • Schlechtere Bildungs- und Berufsabschlüsse

Defizitorientierter vs. ressourcenorientierter Spracherwerb

Das aktuelle Fördersystem ist defizitorientiert: Es versucht, das Defizit des Nicht-Hörens zu beheben. Im Fokus steht das Funktionieren in der Lautsprache – mithilfe von Hörgeräten, CI und Lautsprachtraining.

Ein ressourcenorientierter Ansatz hingegen akzeptiert die Hörbehinderung als Teil des Kindes und baut auf vorhandene Stärken auf. Die Deutsche Gebärdensprache steht dabei als vollwertige, für das Kind zugängliche Sprache im Mittelpunkt.

Forschung zeigt: Kinder, die von Geburt an mit Gebärdensprache aufwachsen, entwickeln bessere Sprachkompetenzen – auch in der Lautsprache. Das bilinguale Aufwachsen ist kein Hindernis, sondern eine Ressource.

Die Deutsche Gebärdensprache & die Deutsche Sprache

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine vollwertige, eigenständige Sprache mit eigener Grammatik, Syntax und Semantik. Sie ist nicht eine Darstellung des Deutschen in Gebärden – sie ist eine eigene Sprache mit eigener linguistischer Struktur.

DGS wird von ca. 200.000 Menschen in Deutschland genutzt. Sie ist seit 2002 als eigenständige Sprache im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) anerkannt.

Für hörgeschädigte Kinder ist DGS die zugänglichste Sprache: Sie können sie vollständig wahrnehmen und produzieren – unabhängig vom Grad ihrer Hörbehinderung.

DGS und Deutsch (Schrift- und Lautsprache) sind zwei gleichwertige Sprachen. Kinder, die mit beiden aufwachsen, sind bilingual – genau wie Kinder, die mit Deutsch und Englisch aufwachsen.

„Gebärdensprache und Lautsprache schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich. Kinder, die früh mit Gebärdensprache aufwachsen, haben bessere Chancen, auch die Lautsprache zu erwerben."

Aus der Forschungsliteratur zum bilingualen Spracherwerb

Was bedeutet es, bilingual aufzuwachsen?

Bilinguales Aufwachsen bedeutet, mit zwei Sprachen gleichwertig großzuwerden. Für hörgeschädigte Kinder bedeutet das: mit Deutscher Gebärdensprache (DGS) und Deutsch (Schrift- und soweit möglich Lautsprache).

Bilinguale Kinder mit Hörbehinderung:

  • entwickeln bessere Sprachkompetenzen in beiden Sprachen
  • erzielen bessere schulische Leistungen
  • haben ein gesünderes Selbstbewusstsein und eine stärkere Identität
  • sind gesellschaftlich besser integriert
  • zeigen weniger Verhaltensauffälligkeiten

Bilingualität ist kein Hindernis für den Lautspracherwerb – im Gegenteil: Ein starkes Fundament in der DGS fördert den Erwerb der Deutschen Sprache.

„Bei hörbeeinträchtigten Kindern mit Cochlea-Implantat ist Zweisprachigkeit mit gebärdeter und gesprochener Sprache der sicherste Weg in die Sprache. Es darf kein Kind ohne Sprache geben. Und es liegt an uns, dafür zu sorgen!"

Prof. Gisela Szagun, Expertin für kindlichen Spracherwerb (2018)

„Bilingual" bedeutet:

Das gleichwertige Sprachen-Angebot in Gebärdensprache, Schriftsprache und Lautsprache (soweit Lautsprache nutzbar ist).

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